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Autonomie

Breit strömt der Fluss zum Meer sich aus,

Hält müde ein, der Senkung wegen,

Die er von Bergeshöhn durchlief im Braus,

Dem großen Bruder Ozean entgegen.

 

Ein Tropfen, der in ihm sich findet,

Hat nie dergleichen vorgehabt:

Hat nie gewollt, dass schlaff er mündet

Und sich millionenfach vertrabt

 

Im Heer der weggeschwemmten andern,

Die mit ihm durch die Lande ziehen

Und unanim das Meer durchwandern.

Wie lockend scheint es ihm, zu fliehen!

 

Doch ist die Strömung viel zu groß,

Und auch im Meer gibt es kein Halten,

So ganz allein und nackt und bloß

Inmitten wässriger Gewalten.

 

Da weiterhin ihm nach Entkommen

Der Sinn noch steht, treibt er nach oben,

Wo er verdampft. Glasig, benommen

Zur Sonne wird er hochgehoben.

 

Als schwerste Wetter ihn ereilen

Und er ein Teil von schwarzen Wolken wird,

Ist ihm auch dort nicht nach Verweilen,

So dass er fällt und frei nach unten schwirrt.

 

Wie einsam-heiter ist der wirre Flug,

Den stürmisch andere vor ihm getan,

Die es in breite Ackerfurchen schlug.

Der Tropfen selbst netzt einen Schwan,

 

Der mit ihm fort soll, fernem Land entgegen,

Doch ihn verliert, kaum dass er aufgeflogen,

Und so, zerteilt in feinsten Tröpfchenregen,

Wird er von feuchter Wiese aufgesogen.

 

Nicht lange bleibt er erdgebunden,

Wegsickernd, hin zu einem Born,

Wird er von anderen gefunden.

Vereinnahmt sprudelt er in hellem Zorn.

 

Da auch der Strom ihn birgt bald wieder,

Nachdem er Quell und Bach durchlaufen.

Reißt ihn erneut zum Ozeane nieder,

Dem Tropfen ist, als müsse er ersaufen.                          

 

Der Fluss indes fühlt sich gekränkt,

Dass sich das Tröpfchen ihm verwehrt.

Es gibt nur ihn, der lenkt und denkt,

Worüber er es streng belehrt.

 

Doch beide irren um die Wette,

Glaubend, sie wären autonom.

Wer nur den eignen Willen hätte,

Wäre nicht Tropfen oder Strom:

 

Ein ewger Kreislauf ist Natur

Von Mineral und Energien,

Ist Wechselspiel und Austausch nur

Von Kräften, die einander fliehen.

 

Ein reines Ich ist gleichfalls Illusion,

Ganz frei ist‘s in der Welt verloren.

Sein Wille ist Legende schon,

Bevor es überhaupt geboren.

 

Allein im Fühlen liegt die Kraft,

Ganz selbst zu sein, etwas zu wollen,

Ein Fühlen, das Gewissheit schafft,

Bringt autonomes Sein ins Rollen,

 

Bringt es in Fluss und tröpfelt nieder,

Benetzt den schönsten Blumenstrauß,

Breitet sein schimmerndes Gefieder

Zu hohem Fluge weit, weit aus.

 

© 2024 alexander hans gusovius



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