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Gedanken 2023, Woche 2


(1) Man fühlt es, in diesen Tagen geht vieles zuende. Die Hinweise sickern durch sämtliche Ritzen, man spürt es mit allen Fasern: die alten Zusammenhänge lösen sich auf. Umso schmerzhafter berührt es, dass sich neue einstweilen kaum zu erkennen geben – oder nicht überzeugen.


(2) Die Wesenszüge der fanatisch angestrebten Neuordnung der bekannten Welt sind Unfreiheit, Verhetzung und Elend, von Hass und Verachtung getragen, von Hybris genährt. Überdruss düngt das lustvolle Betreiben, Katastrophen sind die notwendige Folge. Dem liebenden Erkennen der Welt, das sich nicht gänzlich abzuwenden vermag, bleibt nur, sich zu verweigern und zuzuwarten.


(3) Die Bilder des aufgebahrten Papstes zeigen einen Gottesdiener, dessen Anblick ihn in brisante, unmittelbare Reihe mit den gewesenen, großen Kirchenvätern stellt. Für den ultramodernen Ungeist stellt die Übergeschichtlichkeit eine besondere Unerträglichkeit dar, die man mit widerwärtigen Phrasen (erinnert an schimmliges Pausenbrot) zu ventilieren sucht. - Die pubertäre Bedenkenlosigkeit und skrupellose Gemeinheit der Herabwürdigung ist wesensverwandt mit Hohn und Spott gegenüber Juden im sog. Dritten Reich.


(4) Mehrdimensionales Bewusstsein: die unterste Form des Bewusstseins ist verknüpft mit der vegetativen Wahrnehmung des eigenen Lebens, gelenkt von Trieben und Intuitionen. Auf nächster Stufe steht die abgleichende Wahrnehmung des eigenen Ichs gegenüber anderen, aus der gewisse intellektuelle sowie erste freiheitliche Aspekte des Wollens und Entscheidens folgen, ohne dass die Triebe und Intuitionen ihre Lenkungsrolle verlieren. In einem weiteren Schritt gelangt man zur Wahrnehmung überpersönlicher, im Ich geborgener Wahrheit, gekoppelt an die bewusst wahrgenommene Verschmelzung von Geist und Gefühl, die von der Unmittelbarkeit vegetativen Lebens befreit. Im letzten Schritt eröffnet sich dem Bewusstsein die Erkenntnis umfassenden Seins und reinen Lichts, die das Ich vom Ich loslöst und zu endgültiger Freiheit des Wahrnehmens führt.


(5) Der ungeschönte Anblick des physisch gänzlich ermüdeten, wie mumifiziert hingestreckten Papstes verdeutlicht die absolute Hingabe, das völlige Einssein mit der Aufgabe, die über den Tod hinausgeht, und versinnbildlicht die stupende Entrückung Benedikts XVI. ins Ewig-Zeitlose. In der Zusammenschau tiefer Vergangenheit und künftiger Strahlkraft dokumentiert sich die weithin unbemerkte, jedoch zusehends an Faktizität zunehmende, eigentliche Zeitenwende unserer Tage in vollendeter geistiger Schönheit und Substantialität.


(6) Apleurismen/Apleuretiker, Wortschöpfung entlang des Französischen zur trefflichen Charakterisierung deplorabler Aphorismen/Aphoristiker.


(7) Goethe, Botschafter der Transzendenz des Faktischen: In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.


(8) Unvorhergesehene Zufälle sind schlechterdings keine, indem ihre geistigen Ursachen bestimmend für sie sind. In der Transzendenz des Faktischen erweist sich darum alles Geschehen als zwingend. Denn jedem Sein wohnt eine Zukunft inne, die durch entschiedene Zuwendung geweckt werden kann. Umgekehrt teilt sich jegliche Zukunft in jedem Sein mit. Vorsehung ist demnach Erfüllung.


(9) Benedikt XVI: gegangen, um zu bleiben.

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