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Moorparabel (Woche 9)

Wir lebten schon lange am Rande des Moors, als man uns eines Tages mitten ins riesige Sumpfgebiet führte, das von Myriaden von Mücken verseucht war. Man sagte uns, dass wir an den Schwärmen selber die Schuld trügen, indem wir das Moor durch unsere Selbstsucht aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Mitten im Sumpf aber würde uns Beständigkeit, Glück und Gesundheit erwarten, wenn wir als Gesalbte künftig in Einklang mit der Natur lebten – wozu uns eine grüne Arznei mitgegeben wurde, mit der sich fast alle salbten, um Mückenstichen und Sumpffieber vorzubeugen.


Unterwegs blieben wir immer mal stecken, manch einer verlor seine Stiefel; einige, die trotz der Salbe von Mückenstichen übersät waren, bekamen gar hohes Fieber, brachen zusammen und versanken spurlos im Sumpf. Erste gedachten da wehmütig der Zeiten, da wir unsere Hütten und Herde mit gestochenem Torfmull geheizt und ihn zuletzt zu guten Preisen in ferne Gebiete verkauft hatten, da wir auf entwässertem Grund immer ertragreicher Getreide angebaut und die Kühe fette Milch gegeben hatten, sodass unsere Kinder von Rachitis verschont blieben.


Die meisten von uns aber glaubten fest an das, was man uns einschärfte: dass solches Gerede dem Zusammenhalt schade und die uns verheißene, gesalbte Zukunft leugne. Da erschien es nur recht und billig, dass man diejenigen verstieß, die mit so falscher Zunge sprachen, selbst wenn sie abseits der Wege gurgelnd versanken. Es sei schließlich bewiesen, sagte man, welch glückliches Leben auf uns warte, und wie wirksam die Salbe uns vor Mückenstichen und schwerem Fieberverlauf schütze.


Als wir endlich inmitten des Moors anlangten, waren die meisten von uns völlig entkräftet, die mitgegebenen Nahrungsmittel waren längst zurneige gegangen, nur von der Salbe gab es genug. Wir bauten uns Schilfhütten, während um uns herum ein hoher Zaun errichtet wurde, hinter den wir nur gelangten, wenn wir zur Moorarbeit eingeteilt waren, um dort Torf zu stechen wie in alter Zeit. Es war nicht leicht, das vorgegebene Pensum zu erfüllen, wir bekamen wenig zu essen; auch ließ man uns nur wenige Torfziegel, um unsere undichten Hütten zu heizen. Das Gros wurde abtransportiert, wir erfuhren nicht, wohin.


Immer noch aber raffte das Mückenfieber viele von uns dahin, wir wagten nicht, darüber zu sprechen, um nicht als Leugner zu gelten und verstoßen zu werden: was im Laufe des ersten Jahres öfters geschah. Unterdessen fiel auf, dass wenige, die trotzig der Salbe ferngeblieben waren, nie Fieber bekamen. Sie seien, hieß es dann, von höchster Gefahr für die Gemeinschaft, denn eben diese Unbelehrbaren gäben das Fieber weiter. Und so wurde beschlossen, sie aus der Gemeinschaft zu entfernen.

Sechs von uns, drei Frauen und drei Männer, führte man gebunden fort und warf sie weit jenseits des Zauns in den Morast, da, wo man die Leugner und toten Gesalbten zu entsorgen pflegte. Einer neben dem anderen wurden wir langsam eingesogen. Als wir bis zu den Schultern versunken waren und verzweifelt zu schreien begannen, ließ man uns allein. Bald darauf jedoch, der Schlamm erreichte bereits die Münder, fühlten wir festen Grund unter den Füßen. Wir standen, wie uns bald klar wurde, auf den zu Haufen angewachsenen Leichen der im Moor nicht verwesenden Leugner und Gesalbten. So retteten sie unser ungesalbtes Leben, und wir verließen das Moor auf gewundenen Pfaden.


Auf unseren weiteren Fluchtwegen kamen wir an vielen von Zäunen umhegten Siedlungen vorbei, nahe genug, um zu sehen, wie heruntergekommen die Menschen darin lebten, die allein zur Feldarbeit hinter die Zäune geführt wurden. Es schien solche Elendsquartiere inzwischen überall zu geben. In einiger Entfernung, außer Sichtweite, trafen wir jeweils auf eine Ansammlung gepflegter Torfziegelhäuser, von Sicherheitskräften bewacht, in deren prachtvoll blühenden Gärten zornige Kinder spielten. Aufseherinnen gaben lächelnd acht auf die rotwangigen kleinen Dämonen.

Wir sahen zu, dass wir unbemerkt blieben, während wir Lebensmittelreste aus Kompostmieten hinter den Häusern stahlen, und waren noch lange weiter auf der Flucht, immer in der Hoffnung, in ferneren Landstrichen andere Verhältnisse vorzufinden. Das war jedoch nie der Fall, so dass wir uns schließlich in den Wäldern des Nordens Erdhöhlen gruben und von Pilzen und Beeren und der heimlichen Jagd auf Kleinwild lebten, mithilfe von dressierten Füchsen. Hier begegneten wir eines Tages Schicksalsgenossen, die aus dem Süden kamen und von Aufständen dort gehört hatten. Wir taten uns zusammen und nahmen, als die Aufstände sich nach Norden fortpflanzten, blutig daran teil.


Seither haben die Lande sich etwas beruhigt, doch ist unser einstmals gefügtes Leben noch immer aus dem Tritt; zu viele fanden als Leugner oder Gesalbte den leiblichen oder seelischen Tod und fehlen nun bei der Wiedergewinnung tätiger Freiheit, die in den Köpfen und Herzen kaum Widerhall mehr findet. Fahl sind die Gesichter, verhangen die Augen, unendlich müde die Herzen. Nachwuchs wird in dieser Welt eher selten gezeugt, ausgenommen von Ungesalbten, deren Fruchtbarkeit jedes Maß übersteigt. Bis die neuen Kinder mit ihrem ernsten, wissenden Blick, der ihnen allen gemeinsam ist und förmlich angeboren scheint, den Grundstamm einer blühenden, anderen Welt bilden können, wird nicht mehr viel Zeit vergehen.


© 2023 alexander hans gusovius


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